Wenn die Kindheit zum Albtraum wird

Rezension zu „Der verlassene Rummelplatz“ von Marcel Zischg

Der Naturnser Jungautor Marcel Zischg ist vor allem für seine Märchen, Sagen und Erzählungen für Kinder bekannt. In Der verlassene Rummelplatz, 2016 im Engelsdorfer Verlag erschienen, schreibt er nun erstmals über junge Menschen. Den Pfad der Kinder- und Jugendliteratur verlässt er dabei und zeigt in dreizehn Kurzgeschichten tiefenpsychologisch die größten Sorgen, seelischen Nöte und tiefsten Sehnsüchte von Kindern auf.

Die Protagonisten sind zwischen zehn und fünfzehn Jahre alt und verbringen ihre Zeit altersgerecht auf Spiel-, Fußball- oder Rummelplätzen. Doch dann werden sie aus ihrem Kinderalltag heraus gerissen und mit den Problemen und Schattenseiten der Welt konfrontiert. Zischg erzählt von einem Mädchen, das sich erinnert, wie die böse Marie bei einem Spaziergang ihre Mutter aus Eifersucht erstach. Er beschreibt die Gefühlswelt von zwei Brüdern, die ihren Eltern einen Vorfall beim Basketballspielen verschweigen. Ein verlassener Fußballplatz ist Schauplatz für das heimliche Treffen zweier Freunde, das viel Schmerz und einen tödlichen Unfall zur Folge hat. Und Julian hat in Markus einen falschen Freund. Allein setzt sich der Junge auf das Karussell. Als es sich zu drehen beginnt, begegnen ihm all die Geschichten des Buches. Wie in einem bekannten Kinderreim, bei dem das Ende wieder den Anfang bildet, bleibt einem nichts anderes übrig, als von vorne anzufangen und die einzelnen Erzählungen noch einmal Revue passieren zu lassen.

Zwischen realistischem Traum und traumatischer Wirklichkeit

Es sind die Ängste von Kindern, die Marcel Zischg in seinen Geschichten aufgreift. Tod. Verlust. Einsamkeit. Unverstanden sein. Verfehlung. Und wer kennt es nicht, das Gefühl, etwas angestellt zu haben, das man seinen Eltern unter keinen Umständen erzählen darf. Der Autor treibt diese Empfindungen auf die Spitze und raubt einem damit den Atem. Er fasziniert und verstört zugleich. Denn in seinen Geschichten findet man sich mitten in Albträumen wieder. Es ist nicht nur der Stoff an sich, sondern vor allem der Aufbau und die Erzählweise, die „das Aufwachen“ und den Wunsch nach einem Happy End zu einem dringenden Bedürfnis machen. Wie in einem Traum setzten die Erzählungen plötzlich ein. Realität und Fiktion vermischen und verdichten sich. Die Handlungen sind nicht immer ganz nachvollziehbar und entziehen sich rationalen Empfindungen. Dabei drängen sich die Ereignisse auf wenigen Seiten dicht aneinander. Die Geschichten sind kurz und brechen abrupt ab, als ob man plötzlich erwacht wäre, ohne zu wissen, wie der Traum ausgeht, und ob doch noch alles gut wird. Und am Ende stellt sich die Frage, was ist Traum und was ist Wirklichkeit.

Psychoanalytiker hätten ihre wahre Freude damit

Die Tätigkeit als Kinderbuchautor hat Marcel Zischg für die Probleme junger Menschen feinfühlig gemacht. Seine Geschichten sollen zum Nachdenken anregen, Lösungsansätze auf die vielen Fragen liefert er seinen Lesern deshalb nicht. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als das Gelesene intensiv zu reflektieren und die surrealen Bilder zu interpretieren. Damit ist Der verlassene Rummelplatz bestimmt nicht als Bettlektüre geeignet. Denn die paar Minuten vor dem Einschlafen sind eindeutig zu wenig, um Lösungen für all die seelischen Schmerzen zu finden, die der Autor einem mit auf den Weg gibt.

Infos zum Buch

Marcel Zischg: Der verlassene Rummelplatz
Leipzig: Engelsdorfer Verlag, 2016.
102 Seiten, Euro 8,80.
ISBN: 974-3-96008-271-2

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