Eine Leidenschaft für das Surreale || Marcel Zischg

Interview mit dem Südtiroler Jungautor Marcel Zischg

Marcel Zischg

Märchen und Sagen für Kinder, Schwarze Märchen und tiefenpsychologische Erzählungen für Erwachsene. Marcel Zischg bewegt sich mit seinen Geschichten zwischen zwei unterschiedlichen Erzählstilen agil hin und her. So verschieden sie aber auch scheinen mögen, eines ist ihnen gemein: die leidenschaftliche Hinwendung zum Surrealen.
Ich habe mich mit dem Naturnser Jungautor ganz gemütlich im Innsbrucker Uni Cafe getroffen. Bei einem draufgängerischen Soda-Zitron haben wir über seine tiefverwurzelte Leidenschaft für das Schreiben gesprochen und dabei unausweichlich auch seine Vergangenheit gestreift.

Wolltest Du schon als Kind Schriftsteller werden?

Als Kind habe ich viele Hörbücher gehört, vor allem Märchen. Mich haben die unterschiedlichen Geschichten fasziniert, deshalb wollte ich schon früh Schreiben lernen und meine eigenen Geschichten erzählen.
Es gab später eine Phase im Grundschulalter, als wir Aufsätze schreiben mussten, wo ich mich immer sehr eingeschränkt gefühlt habe – zeitlich gesehen. Ich hatte am Schluss stets das Gefühl, dass ich noch nicht fertig bin. Und dann habe ich die Geschichten Zuhause weiter geschrieben. Mit 11, 12 Jahren wollte ich dann Schriftsteller werden. Mir war zwar früh bewusst, dass ich davon wahrscheinlich nicht leben kann, aber der Wunsch blieb. Deshalb habe ich mich dann auch für das Literaturwissenschaftsstudium entschieden.

Was genau ist es, das Dich am Schreiben und Erzählen so fasziniert?

Mich hat es schon relativ am Anfang fasziniert, Seelenwelten zu erschaffen. Also durch das Schreiben einen psychologischen Prozess aufzuzeigen und die seelische Werdung des Menschen darzustellen. Es interessiert mich vor allem die Individuation des Menschen und die Schattenarbeit, wie sie auch C. G. Jung beschreibt. Dabei möchte ich herausfinden, wer ich bin aber auch wer meine Figuren sind. Das Schreiben ist damit also fast schon eine Art Selbstfindungsprozess. Spannend ist dabei, auf welchen Wegen man seine Individuation finden kann. Und jede meiner Figuren findet sie auf eine andere Art und Weise – oder eben nicht. In den Erzählungen scheitern einige Figuren, was die Tragik der Geschichte ausmacht. Andere Figuren werden wiederum so von ihren Ängsten beherrscht, dass ihnen ein glückliches Leben unmöglich ist. Interessant dabei ist, dass es Figuren gibt, die in den Erzählungen einen mutigen Schritt wagen, während viele andere auf ihren Problemen sitzen bleiben oder sie lieber verdrängen.

Das klingt, als ob in deinen Figuren und Texten sehr viel von dir selbst steckt, von deiner Persönlichkeit und deiner eigenen Geschichte…

Ich muss vielleicht dazu sagen, dass ich ein etwas romantisch veranlagter Autor bin, weshalb ich davon ausgehe, dass ich nur authentisch über etwas schreiben kann, wenn ich selber weiß, wie sich etwas anfühlt. Das soll aber nicht heißen, dass alle meine Texte autobiographische Züge aufweisen und ich mich in alle Figuren projiziere. Nur, dass ich mich sehr stark mit diesen Seelenwelten auseinander setze.

Ein paar Leser sagen, es gefällt ihnen, dass sich meine Erzählungen zwar in einem örtlich unbestimmten Raum, aber dann doch in bergigen Gegenden, in Apfelbaumplantagen, an Bächen oder anderen Naturschauplätzen abspielen. Das hat erstens damit zu tun, dass ich dadurch in eine märchenhafte Atmosphäre leichter eindringe und zweitens, dass ich für mich festgestellt habe, dass ich viele Erzählungen bewusst in meiner Heimat verorte. Anders als andere Autoren bin ich noch wenig gereist und tue mich dadurch schwer, über die Fremde zu schreiben. Noch bin ich ein sehr heimatgebundener Autor.

Warum sind für Dich ausgerechnet Märchen eine geeignete Gattung für deine Erzählungen. Warum nicht Krimis oder Liebesromane?

Ich habe mal versucht einen Krimi zu schreiben (lacht) – ein befreundeter Autor meinte dann aber, dass ihm mein Krimi zu surreal ist. Es passierten ihm zu viele absurde, unlogische Dinge. Deshalb gab er mir den Tipp, in der absurden Literatur zu bleiben.
Im Märchen kann ich surreal schreiben und ich kann die vorhin angesprochenen Individuationen zeigen. In meinem jüngst erschienen Märchen-Roman Die Königin von Verlorenherz bekämpfen sich Realität und Märchenreich. Ein Spannungsverhältnis, das einen surrealen Effekt erschafft. Teilweise wurde ich dabei auch sehr stark von Italo Calvinos Erzählungen angeregt.
Außerdem braucht man im Märchen nur die Arme auszustrecken, um fliegen zu können. Man kann König werden. Man kann Dinge tun, die man sich im gewöhnlichen Leben oft nicht trauen oder zutrauen würde – eine grenzenlose Freiheit eröffnet sich.
Märchen sind für mich aber auch eine Art, um „in die Kindheit zurückzukehren“. Sie sind ein Ausdruck meines Wunsches, Brücken zwischen dem Erwachsen-Sein und der Kindheit zu bauen. Ich muss dazu sagen, dass ich ein Mensch bin, der mehr an die Vergangenheit denkt und weniger an die Zukunft. Der Schreibprozess spiegelt also auch immer mein Bedürfnis wieder, etwas festzuhalten und das Vergangene wieder herzustellen.

Man will ja eigentlich vor allem die schönen Erlebnisse in Erinnerung behalten und festhalten. Wie kommt es dann, dass sich auch düstere, fast schon schockierende Erzählungen unter deinen Werken befinden – wie zum Beispiel Der verlassene Rummelplatz. Du selbst bezeichnest diese Geschichten ja als Schwarze Märchen.

Der verlassene Rummelplatz ist eigentlich das Buch, das mir am meisten bedeutet. Es ist aus einem inneren Bedürfnis heraus entstanden. Die Geschichten sind eine Art Hybrid zwischen Kurzgeschichten und Märchen, weil ich dadurch Märchenhaftes mit der realen Welten komprimieren kann. Gerade durch diese Kombination kann eine Art surrealer Effekt entstehen. In klassischen Märchen ist es zum Beispiel so, dass man sich über die Welt an sich eigentlich nicht so viele Gedanken macht, man lässt das Wunderbare zu. In unserer Welt hingegen will man aber immer alles erklären können. Durch die Kombination der beiden „Welten“ entsteht eben dieser surreale Effekt, der mich fasziniert und den ich in meine Geschichten einfließen lassen möchte.

In diesen schwarzen Märchen verarbeite ich aber auch eigene Erlebnisse, die ich genau so oder so ähnlich erlebt habe. Vor allem das Motiv des falschen Freundes ist ein sehr persönliches Motiv, mit dem ich meine eigenen Erinnerungen aufarbeite. Aber auch das ambivalente Bild der Elternfiguren kenne ich aus eigener Erfahrung. Sie sind zum einen fürsorglich und liebend, kippen dann aber zu böse und gemein. Ich war als Kind selber nicht ganz einfach. Deshalb wollte ich zeigen, dass Kinder in ihren Eltern nicht nur positive, sondern durchaus auch negative Gefühle auslösen können, mit denen sowohl Kinder als auch Eltern oft nicht umgehen können und die Angst machen.

Damit ist „Der verlassene Rummelplatz“ anders als seine Vorgänger eher weniger als Kinderbuch geeignet. Heißt das, dass Du dich von der Kinderliteratur entfernst?

Ich schöpfe meine Ideen aus meiner Erinnerung und schreibe über Dinge aus der Vergangenheit. Das heißt, dass ich als 50-Jähriger vielleicht nur über Erinnerungen aus meinen 30ern schreiben kann. Ich denke aber, dass ich inhaltlich meine Kindheit langsam hinter mir lasse. Mit dem Verlassen des Rummelplatzes ist auch ein Verlassen der Kindheit angedeutet.
Gerade schreibe ich an einem Buch mit Erzählungen, in denen vor allem Jugendliche und Studenten im Mittelpunkt stehen. Genaueres möchte ich aber noch nicht verraten.
Die Märchen gebe ich aber noch nicht auf. Momentan arbeite ich in Zusammenarbeit mit dem italienischen Autor Andrea Valente an einem Märchen- und Sagenbuch aus Meran – für Kinder erzählt. Es erscheint im Herbst 2017 anlässlich des 700-jährigen Stadtjubiläums von Meran.

Das klingt nach einem großen Projekt! Viel Glück dafür und alles Gute für deine Zukunft! Und vielen Dank, für das angenehme Interview.

 

Zum Autor:

Marcel Zischg ist 1988 in Meran geboren und verbrachte seine Jugend in Naturns, Südtirol. Von 2009 bis 2014 studierte er Germanistik in Innsbruck und veröffentlichte bereits während dieser Zeit seinen ersten Erzählband Familie am Bach sowie ein Märchenbuch für Kinder unter dem Titel Wandernder Berg, badender Zwerg.

 

Fotocredit: ©Maria Gapp

16 Gedanken zu „Eine Leidenschaft für das Surreale || Marcel Zischg“

  1. Danke für dieses interessante Interview! Ich kannte diesen Jungautor noch nicht. Aber ich bin jetzt neugierig geworden obwohl ich kein Fan von schwarzen Märchen bin, aber ich der mich mal durch die verschiedenen Werke schmökern und finde sicherlich eines das mich begeistert.

    Liebe Grüße
    Verena

    1. Kann ich verstehen. Es ist manchmal wirklich eine schwere Kost und nicht einfach zu lesen, wenn man solche Art von Literatur nicht gewohnt ist.
      Aber vielleicht findest du bei den Märchen etwas, was dir gefällt.

      Alles Liebe
      Christina

  2. Großes Kompliment – das ist wirklich ein tolles Interview geworden! Bisher kannte ich weder den Autor, noch habe ich mich für surreale Erzählungen und Literatur interessiert. Die Geschichten und auch die Hintergründe klingen aber unglaublich faszinierend!

    Ganz liebe Grüße, Larissa

    1. Das ist lieb, vielen Dank.
      Ich glaube, Marcel Zischgs „Der verlassene Rummelplatz“ ist auch das erste wirklich surreale Werk, das ich gelesen habe.

      Alles Liebe
      Christina

    1. Ich mag das auch voll gern. Hilft manchmal auch, das Werk besser zu verstehen.
      Das Genre ist sicher nicht jedermanns Sache aber woher weiß man es, wenn man es nicht probiert… 😉

      P.s.: Um Norwegen beneide ich dich. Ich liebe Skandinavien <3

      Alles Liebe in den Hohen Norden
      Christina

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