Totenhaus – Bernhard Aichner

Bernhard Aichners Totenfrau-Trilogie geht weiter.

Buch zu, nächstes Buch auf. Kaum hatte ich Totenfrau fertig gelesen, griff ich schon zum zweiten Teil der Trilogie: Totenhaus. Einerseits stand ich unter Zeitdruck. Die Buchpräsentation des Finales, zu der ich bereits zugesagt hatte, fand zwei Tage später statt. Zum anderen konnte ich einfach nicht mehr aufhören zu lesen. Zu viele Fragen, die eine Antwort verlangten. Der erste Teil ist doch gut ausgegangen. Was kann jetzt noch passieren? Tötet Blum weiter? Fliegt sie auf? Ich musste einfach wissen, wie es weitergeht!

Eine gesuchte Mörderin

Gerade noch war Blum zu Erholung mit den Kindern am Meer, nun ist sie auf der Flucht. Einem Erbschaftsstreit zur Folge musste eine Leiche exhumiert werden. Die ist allerdings nicht allein in ihrem Sarg. Einer von Blums Opfern wird gefunden, zumindest teilweise. Blum muss weg, alles hinter sich lassen. Ihr Haus, ihre Kinder, ihr Leben. Kurz davor entdeckt sie das Bild einer Toten in der Zeitung, das Gesicht gleicht dem ihrigen. Blum hatte eine Zwillingsschwester. Entzweit durch die Adoption. Bei Ingmar, Alfred und Gertrud, der Familie ihrer toten Schwester findet Blum Zuflucht. Das Versteck: ein Luxushotel. Schon bald hat sie nicht mehr nur mit ihrer eigenen Vergangenheit zu kämpfen.

Weniger Mord, mehr Psyche

Erst nach meiner Lektüre habe ich gelesen, dass Totenhaus für viele zu seicht war. Ihnen hat es an zeitnahen Morden gefehlt. An körperlicher Grausamkeit. Und in der Tat ist der zweite Band weniger mordlustig wie sein Vorgänger Totenfrau. Gemordet wird oder wurde zwar, Schilderungen perverser Vergewaltigungsszenen oder ausführliche Verstümmelungsakte findet man aber nicht. Vielmehr geht es um das „Drumherum“. Um das, was Mord und die Auseinandersetzung mit dem Thema mit einem machen.

Blum ist am Ende ihrer Kräfte. Sie kann sich nicht mehr auf ihre Instinkte verlassen. Sie weiß nicht mehr, was sie glauben kann. Wem sie trauen kann. Sie hat keine Zeit, sich zu entspannen. Kann nicht schlafen. Sie sehnt sich nach den Kindern. Nach einem geregelten Leben. Stellt ihr Taten in Frage. Kommt einem Verbrechen auf die Spur. Gerät selbst ins Visier eines Psychopathen. Oder doch nicht? Oder doch? Das Luxushotel wird zum Gefängnis, ihre neue Familie zu Wärtern. Bernhard Aichner lässt Blum leiden. Lässt sie büßen. Und dem Leser bleibt nichts anderes übrig, als weiter zu lesen und zu hoffen, dass alles gut wird.

Tod. Tote. Töten.

Tod und die Auseinandersetzung mit ihm sind zentrale Themen in Totenhaus. Es geht um die Darstellung des Todes. Um das „Weiterexistieren“ nach dem Tod. Nahtoderfahrungen. Um die künstlerischen Grenzen des guten Geschmacks. Darum, wie der Tod Familien zerreißt. Um den Schmerz der Hinterbliebenen. Und um das Loch, das bleibt. Und wieder stellen sich Fragen, die einen in seinen Moralvorstellungen spalten: Ist man besser, weil man böse Menschen tötet? Ist man schlechter, wenn man Unschuldige um der Kunstwillen tötet? Ist töten nicht gleich töten?

Wird alles gut?

Wie bei vielen anderen Trilogien hat auch Totenhaus das schwere Los des mittleren Buches, das häufig nur als Bindeglied angesehen wird. Man ist gefesselt vom ersten Buch, in dem das Problem geschaffen wurde und wartet auf das Finale, darauf, wie es ausgeht. Der mittlere Teil muss daher versuchen, die Spannung aufrecht zu erhalten und das ist manchmal langatmig.

Bernhard Aichner hält aber einmal mehr seine Leserschaft auf Trab. Er weiß, wie man ein Kapitel beendet. Man kann gar nicht anders, als weiterzulesen. Man kann sich nie sicher sein, wohin die Reise geht. Was als nächstes kommt. Nie weiß man mehr wie die Protagonistin.

Vielleicht ist das Buch in seinen Schilderungen, in seiner Bildmalerei weniger grausam als Totenfrau. Ich empfand es jedoch psychologischer und unberechenbarer. Kategorie Psycho-Thriller. Man kommt Blum noch näher. Sie ist nicht mehr die Mörderin, die Rächerin. Sie ist eine Frau, die am Ende ihrer Kräfte ist. Die leidet. Und ich litt mit. Am liebsten wäre ich hineingesprungen. Wollte sie wachrütteln. Ihr helfen. Ihr sagen, dass alles gut wird. Sicher sein kann man sich aber nicht. Ein Cliffhanger hält die Spannung. Hallo Totenrausch!

Zum Buch

Titel: Totenhaus
Autor: Bernhard Aichner
Verlag: btb Verlag (München, 2015)
ISBN: 978-3-442-75455-7

2 Gedanken zu „Totenhaus – Bernhard Aichner“

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