Totenrausch – Bernhard Aichner

Blums letztes Abenteuer

„Glaubst du, Bernhard Aichner ist ein Autor, der Happy Ends schreibt?“, fragte mich meine Freundin kurz vor der Buchpräsentation von Totenrausch. Eine berechtigte Frage möchte man meinen. Aber wenn man weiß, welchen Charakter Aichner mit seiner Figur Blum erschaffen hat, doch auch etwas ironisch. Brünhilde Blum. Verwitwet und Mutter zweier Kinder. Von Beruf Bestatterin. Und außerdem eine gesuchte Mörderin auf der Flucht. Die beiden ersten Teile der Trilogie Totenfrau und Totenhaus habe ich an drei Abenden ausgelesen. So habe ich mich gerade noch rechtzeitig zur Lesung im Innsbrucker Treibhaus mit der mir bis dato noch unbekannten Romanreihe vertraut machen können. Bernhard Aichner macht es aber auch spannend. Hin und gerissen zwischen Verstörung und Ekstase konnte ich die Bücher nicht mehr zur Seite legen. Schafft es Blum, wieder in ihr altes Leben zurückzukehre? Von vorne anzufangen? Wie weit geht sie dafür?

Da mein Leseerlebnis von Totenrausch nicht bei der Lektüre, sondern bei der Buchpräsentation begonnen hat, möchte ich zur Einstimmung kurz von diesem Event berichten. Wer Lesungen – ich will gar nicht glaube, dass es so jemanden gibt – langweilig findet, kann auch zum nächsten „Kapitel“ runterscrollen.

Die Lesung

Tatort: Das Treibhaus in Innsbruck, Tirol. Über 100 Hörlustige (ich bin ganz schlecht im Schätzen) versammelten sich auf zwei Etagen zur Buchpräsentation. Vor der Bühne steht ein roter Sarg. „Wer will, kann Probe liegen!“ heißt es. Der Ansturm hielt sich in Grenzen. Die zweite Besonderheit war das Duo, das den Autor musikalisch am Kontrabass (Florian King) und Schlagzeug (Lukas Bildstein) begleitete. Dann Auftritt Bernhard Aichner. Ich muss aufpassen, dass ich nicht ins Schwärmen gerate, denn der mittlerweile gefragte Schriftsteller ist mega sympathisch und bodenständig. Neben Passagen aus seinem Buch gab er auch anekdotenhaft Einblicke in sein Privatleben zum Besten. Auszüge aus Leserbriefen, erste Schreibversuche und eine kurze selbstkomponierte Gesangseinlage zum aktuellen Roman sorgten für eine ausgelassene Stimmung und Lachmuskelalarm.
Aber auch mit Totenrausch schien er das Publikum zu überzeugen. Aichner gehört nicht nur zu den Autoren, die gut schreiben, sondern auch ausgezeichnet daraus vorlesen können. Seine Stimme ist ruhig und bestimmt. Er variiert seine Stimmlage in den Dialogen dezent und passend zu den Personen. So gab er die ersten paar Seiten seines Romans einem wachsamen Publikum wieder.

Blums letztes Abenteuer

Nachdem Blum mehrere Menschen getötet hat, ist sie auf der Flucht. Nach ihrer letzten Odyssee in Totenhaus findet sie Unterschlupf auf den Norwegischen Lofoten. Doch schon bald sehnen sich ihre Kinder nach ihrem Zuhause, nach ihrem Großvater. Und Blum geht langsam das Geld aus. Sie gibt nach und macht sich auf den Rückweg. Allzu weit kommt sie aber nicht. In Hamburg ist sie am finanziellen Ende. In ihrer Not wendet sich Blum an Egon Schiele, seines Zeichens Zuhälter. Sie schließt einen Deal mit ihm ab. Seine Hilfe gegen einen Mord. Alles ist gut, bis Schiele ihr Angebot einfordert. Sie verliert alles. Ihre Identität. Ihre Würde. Ihre Kinder. Für Blum beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Mit Schiele legt man sich lieber nicht an.

Die dehnbare Hand des Gesetzes

Gewalt. Vergewaltigung. Freiheitsberaubung. Entführung. Erpressung. Entstellung. Mord. Bernhard Aichner bedient sich ausreichend an den Themen des Strafgesetzbuches. Doch wer ist schlimmer? Der, der das Verbrechen verübt oder der, der nichts dagegen tun will? Der Autor zeigt so die korrupte Seite unseres Rechtssystems auf und stellt die Frage nach Menschen zweiter Klasse. Die Justiz dein Freund und Helfer? Von wegen! Spätestens als Schiele Blum als sein Eigentum gebranntmarkt hat, bekommt sie das am eigenen Leib zu spüren. Sie will den Richter nicht töten, sie will ihn warnen und um Hilfe bitten. Doch der denkt nicht daran.

Du bist nicht die Erste, die mich darum bittet, glaub mir. Ich habe genug von euch Dreckfotzen durchgefickt, ich weiß wovon ihr träumt […] Du kannst dir ja vorstellen, dass das Leben eines Richters nicht besonders aufregend ist, deshalb suche ich nach Abwechslung. Und wie es scheint, habe ich diese Abwechslung heute in meinem eigenen Schlafzimmer gefunden. – Richter
(Totenrausch, 203f: 2016)

Der Richter sieht sie als schwaches Stück Fleisch, mit dem er alles machen darf. Mit solchen Ansichten ist er allerdings nicht allein. Wie schon in den ersten beiden Teilen, ist die Perversion der Erregung während das Gegenüber leidet ein großes Thema bei Aichner. Die Tatsache, dass man sich einfach nimmt, was man will, ohne Rücksicht auf den anderen, schockiert. Selbst Blum kann dem Druck nicht immer Stand halten. Was bleibt einem noch, wenn man nichts mehr hat? Keine Würde. Keinen Respekt vor sich selbst. Wie weit darf man gehen, um zu überleben? Und kann man das Äußerste verkraften? Es sind nicht nur Blums Leiden, die vielen Morde und die Grausamkeit des Menschen an sich, mit denen der Leser zu kämpfen hat. Vor allem ist es auch das hin und her gerissen sein zwischen moralischen Grundwerten, die den Leser bannen – eine literarische Fähigkeit, die Aichner gekonnt einzusetzen vermag.

Alles wird gut

„Alles wird gut“ schreibt Bernhard Aichner schon am Beginn des Romans und lässt den Leser auf ein Happy End hoffen. Damit hat er zu viel verraten? Auf keinen Fall, denn erstens kommt es immer anders und zweiten als man denkt. Mit Totenrausch balanciert Bernhard Aichner zwischen den Grausamkeiten eines Psychothrillers und den humoristischen Elementen einer Komödie. Als Personifikation des Ganze steht Egon Schiele. Grausam. Unberechenbar. Und trotzdem mit Anflüge von fürsorglichen Gefühlen. Dabei konnte ich ihn nicht immer ernst nehmen. Was nicht zuletzt an seinem Namen lag. Ich musste ständig und unweigerlich an das Selbstporträt mit Lampionsfrüchten des Malers Egon Schiele denken, was das ganze etwas absurd machte.

Lange kann man sich aber auf einem solchen Schmunzler nicht ausruhen. Denn Aichners rasanter, filmischer Schreibstil treibt einen immer weiter. Und das nächste Ereignis, die nächste Wendung trifft einen mit voller Wucht. Alles in allem ist Totenrausch das kurzweilige Ende einer atemraubenden Trilogie, die nichts für schwache Nerven ist.

Vielen Dank meine liebe M., dass du mich zur Buchpräsentation mitgenommen und mich so in Blums Welt eingeführt hast.

Zum Buch

Titel: Totenrausch
Autor: Bernhard Aichner
Verlag: btb Verlag (München, 2016)

 

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