Elefant Suter
Literatur

Rezension || Elefant von Martin Suter


Dunkle Wissenschaft, leuchtendes Wunder

Sie ist klein. Sie ist rosa. Und sie leuchtet. Sabu. Was klingt wie ein Mädchentraum der Generation Disney Princess, ist in Wahrheit die unglaubliche Titelfigur aus Martin Suters Roman Elefant. Der Autor erzählt dabei die Geschichte eines kleinen rosa fluoreszierenden Elefanten, der für die einen ein rentables Geschäft sein soll, während er für die anderen ein Wunder ist, das es zu beschützen gilt. Spannend, unterhaltsam und voller Emotionen wirft der Roman gleichzeitig in typischer Suter-Manier gesellschaftspolitische und ethische Fragen auf, die zum Nachdenken anregen. Grenzen der Gentechnik werden dabei genauso thematisiert wie das Leben in der Obdachlosigkeit.


Sabus Geschichte

Als der obdachlose Schoch den kleinen rosaroten Elefanten das erste Mal in seiner Schlafhöhle sieht, glaubt er, sein Verstand spiele ihm, vernebelt vom Alkohol, einen Streich. Doch Sabu gibt es wirklich und sie wird sein Leben verändern. Der Minielefant ist das zufällige Ergebnis einer Genmanipulation des gierigen Gentechnikers Roux mit dem Ziel ein „Glowing Animal“ in der Form eines Elefanten zu schaffen. Dafür hat er sich eine Elefantenleihmutter im Zirkus Pellegrini gesucht. Damals ahnte er noch nicht, dass das Elefantenbaby an einer seltenen Form des Kleinwuchses leiden würde, was es aber noch besonderer macht, und auch nicht, dass Elefantenbetreuer und Elefantenflüsterer Kaung seine Pläne durchkreuzt und ihn hintergehen wird. Denn während Roux das Geschäft seines Lebens in Form eines leuchtenden, lebendigen Spielzeugs für Kinder wittert, ist der Minielefant für Kaung ein Wunder, das es vor allem Bösen zu bewahren gilt. Das sieht später auch Schoch so, der sein freigewähltes Leben auf der Straße hinter sich lässt, um Sabu vor ihren Verfolgern zu retten und zu beschützen.


Die Erzählweise in Elefant

Suter gliedert Elefant in drei Teile und erzählt die Geschichte parallel auf mehreren Zeit- und Ortsebenen, in der Gegenwart (die Haupterzählung um Schoch) und in mehreren Vergangenheiten (u. a. die Zeit der Vorbereitung auf das Experiment oder die Erzählung um Kaung und die Elefantenschwangerschaft). Je nachdem wo man sich gerade befindet, stehen unterschiedliche Personen im Fokus. Diese Art der Erzählung kann verwirrend sein, nicht so bei Suter. Er macht zum Beispiel durch Kapitelüberschriften stets klar, wo man sich gerade befindet und keine Figur bleibt ohne biografische Einblicke. Dabei hilft auch, dass die Figuren und deren Absichten in der Regel klar in Gut und Böse, Held (oder auch Antiheld) und Feind unterteilt sind. Mit Gier, Verrat und Verfolgung auf der einen Seite sowie Freundschaft, Glaube, Hoffnung und einer kleinen Lovestory auf der anderen hat der Roman alles, um die Spannung bis zum Schluss aufrecht zu halten.


Diskurse zum Nachdenken: Gentechnik, Obdachlosigkeit, Spiritualität

Was ich bei Suter immer besonders beeindruckend finde, ist, wie er aktuelle gesellschaftliche Diskurse in seinen Geschichten aufgreift, auf Themen aufmerksam macht und zum Denken anregt. Bei Elefant sind das zum einen Fragen rund um Gentechnik. Wie weit darf Genmanipulation gehen? Darf man mit dem Leben experimentieren/spielen? Und obendrein auch noch Profit daraus schlagen? Außerdem, ein bisschen religiöser/spiritueller gedacht, in wie weit darf man überhaupt in die Natur eingreifen? Und ist ein gelungenes Ergebnis, ein Erfolg der Wissenschaft oder von (einem) Gott gewollt? Der Roman hinterfragt ganz klar das Thema Genmanipulation und wirklich positiv steht er dem Ganzen nicht gegenüber. Da kommt man natürlich leicht in Versuchung, einfach zu sagen, dass Gentechnik schlecht ist. Er lässt aber auch die Frage zu, ob Genmanipulation nur unter bestimmten Umständen schlecht ist. Nur so als Beispiel und zum Nachdenken 😉

Weniger eine Diskussion als vielmehr ein Sichtbarmachen ist das Thema der Obdachlosigkeit. Suter beschreibt hier die gesellschaftspolitische Situation in der Schweiz. Er zeigt unterschiedliche Geschichten auf, wie jemand in die Obdachlosigkeit rutschen kann und die unterschiedlichen Strategien, damit umzugehen. Auch dass es Menschen gibt, die aus freien Stücken auf der Straße leben schließt er nicht aus. Kleiner Exkurs dazu: Ich musste dabei unweigerlich an die Shades Tours denken. Das ist eine Organisation in Wien, die Stadtführungen anbietet, die von Obdachlosen geführt werden und die Teilnehmer zu Plätzen mitten in der Stadt führen, darunter auch typische Sightseeing-Orte, an die man nie gedacht hätte, aber für Obdachlose eine Rolle spielen oder gespielt haben. Dabei hat man auch die Möglichkeit den Guides Fragen zu stellen und erfährt viel über persönliche Schicksale und über das System. Wirklich eine sehr coole Sache und sehr zu empfehlen, wenn man mal in Wien ist. Nicht zuletzt weil hier viele Punkte thematisiert werden, die mich auch beim Lesen von Elefant beschäftigt haben.


Und wie geht das alles zusammen? Wie liest sich Elefant?

Vorne weg: Mich hat Elefant überzeugt. Martin Suter hat so einen vorantreibenden Schreibstil, dass man das Buch kaum weglegen kann. Er gibt so viel Input, dass man das Gefühl hat, die Figuren zu kennen, zu verstehen, was in ihnen vorgeht, und gleichzeitig lässt er genügend Spielraum für eigene Interpretationen und Lesarten. Es wird Spannung aufgebaut und Emotionen erzeugt. Dabei ist der kleine Elefant so niedlich, dass man ihm nur das Beste wünscht und hofft, dass alles gut ausgeht.

Natürlich kann man auch einiges hinterfragen. Zum Beispiel wie relevant es für die Geschichte tatsächlich ist, dass Schoch freiwillig in der Obdachlosigkeit lebt und durch Sabu sein Leben überdenkt. Könnte es nicht vielleicht auch ein erfolgreicher Geschäftsmann sein? Wahrscheinlich schon. Ich habe aber das Gefühl, dass es Suter einfach wichtig war, über das Thema zu schreiben, darauf aufmerksam zu machen. Und schlussendlich wird die Geschichte dadurch auch nicht unrund, sondern verleiht ihr einfach nur noch eine zusätzliche Dimension.

Elefant zeigt eine Art fantastische Realität. Vieles klingt sehr fiktional und weit hergeholt, aber ich finde als Roman, der von Gentechnik handelt, darf er das auch. Denn seien wir mal ehrlich, wer weiß schon, was in so manchen Laboren vor sich geht und wie utopisch die Vorstellung vom kleinen leuchtenden rosa Elefanten wirklich ist.

Martin Suter
… ist 1948 in Zürich geboren. Bevor er sich ganz dem Schreiben widmete, arbeitete er unter anderem als Werbetexter und Creative Director. Sein Durchbruch als Autor gelang ihm 1997 mit seinem ersten Roman Small World.

Zum Buch
Titel: Elefant
Autor: Martin Suter
Cover-Illustration: Christoph Niemann
Verlag: Diogenes Verlag (Zürich, 2017)
Seiten: 348
ISBN: 978-3-257-06970-9

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