Jung Wien
Literatur

Interview mit Max Haberich von Jung Wien `14


Literarische Gruppe mit Tradition: Jung Wien ’14


Mit Jung Wien ’14 knüpft eine Gruppe junger, berufstätiger Autoren an eine der Blütezeiten von Kunst und Literatur an. An die Zeit der Kaffeehausliteratur und des Fin de Siècle. An die Zeit des Ästhetizismus und der Bewusstwerdung des Unbewussten. Genauer gesagt, an die Zeit der Wiener Moderne. Die Mitglieder haben eines gemeinsam, die Liebe zur Literatur und den Wunsch, zu unterhalten. Ich habe mich mit Gründer Max Haberich getroffen und mit ihm über den Verband, Intension, Hintergründe und Pläne gesprochen.


Du kommst ja ursprünglich aus Deutschland. Warum bist du ausgerechnet in und an Wien hängen geblieben? Hat die Stadt für dich, auch verglichen mit anderen Städten, aus literarischer Sicht einen besonderen Stellenwert?

Ich bin einem ÖAD-Stipendium nach Wien gekommen, um die Biographie „Arthur Schnitzler- Anatom des Fin-de-Siècle“ zu schreiben, die 2017 bei Kremayr & Scheriau erschienen ist. Mit diesem Umzug nach Wien hat sich ein jahrelanger Traum erfüllt. Ich bin geblieben und habe nicht die Absicht, diese Stadt so schnell wieder zu verlassen!

Die Literaturszene hier ist sehr spannend. Es gibt viele junge Autoren, von denen man in den nächsten Jahren noch hören wird. Dabei ist der Vorteil an Österreich, für uns Wahlwiener und für diesen Lebensabschnitt, dass viel kreatives Talent in der Hauptstadt konzentriert ist. Man lernt schnell Leute kennen und gewinnt rasch eine gute Übersicht. Darüber hinaus gibt es mehr kleine und mittelgroße Verlage in Österreich als in Deutschland, bei denen man sich als Autor fast familiär eingebunden fühlen kann. Bei großen Verlagen sieht das anders aus.


Warum hast du Jung Wien 14 gegründet?

Als ich 2014 nach Wien gekommen bin, gab es literarische Gruppen für Jugendliche und für Studenten. Für die Altersgruppe junger Autoren jenseits der Uni gab es keine spezielle Anlaufstelle in einer Stadt mit so ausgeprägten literarischen Traditionen. Um diese Lücke zu füllen, habe ich Jung Wien ’14 gegründet.


Was muss man tun, um Mitglied zu werden?

Man muss eine Leseprobe einschicken und ein kurzes, informelles Gespräch bei einem großen Braunen (oder ähnlichem) bestehen. Mehr ist es nicht.


Euer Namenspatron Jung Wien war eine Gruppe Wiener Autoren, Ende des 19. Jahrhunderts, zu der auch Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler gehörten. Warum habt ihr euch ausgerechnet diese Gruppierung zum Vorbild genommen?

Am Werk Arthur Schnitzlers, über den ich promoviert habe, packt mich besonders die psychologisch glaubwürdige Schilderung seiner männlichen und weiblichen Charaktere. In diesem Sinne fühlen wir uns einem erzählerischen Stil auf hohem Niveau verpflichtet. Wir wollen an die reiche literarische Tradition dieser Stadt anknüpfen und mit zeitgemäßer Literatur verbinden, also eine Brücke schlagen zwischen Damals und Jetzt. Das bedeutet eher, unterhaltsam und verständlich zu schreiben als historische Themenwahl.  


Was fasziniert dich an dieser Zeit besonders?

Dass sie erkennbar modern und gleichzeitig auf nostalgische Weise fremd anmutet: Gasbeleuchtung, Fiaker, Herren in Zylindern und einen Kaiser auf dem Thron. Dabei war Wien zu dieser Zeit ein Zentrum der Moderne – vor allem, aber nicht nur in den künstlerischen Bereichen. Man denke nur an Gustav Klimt, Adolf Loos, Gustav Mahler und natürlich an Sigmund Freud, mit seiner verstörenden Entdeckung des Unbewussten, dass man nicht einmal mehr in geistigen Dingen „Herr im eigenen Haus“ sei.


Wie sehr sind eure Texte von der Wiener Moderne und insbesondere dem Ästhetizismus beeinflusst, die/den die ursprüngliche Jung Wien Gruppe maßgeblich mitgeprägt hat.

Wir sind kein politischer Verein und in erster Linie an stilistischen, strukturellen, künstlerischen Fragen interessiert, wie es das ursprüngliche Jung Wien auch war. Es geht uns vor allem darum, unser Publikum zum Nachdenken anzuregen oder zum Lachen zu bringen. Wenn uns beides gleichzeitig gelingt, war der Abend nach unserer Auffassung erfolgreich. Die Herausforderung, die wir uns bei jedem Auftritt stellen, ist, Anspruch mit Unterhaltung zu verbinden.


Gibt es Autoren, die dir besonderes Vorbild sind?

In meiner Schul- und frühen Studienzeit habe ich Thomas Mann sehr bewundert, weil er ein Meister kunstvoller, langer Sätze war. Diese Möglichkeit bietet die deutsche Sprache ganz besonders, und Manns Meisterschaft lag darin, dass man seine Sätze auch noch versteht. Es war ein mehrjähriger Kampf, mich von dem Versuch, so zu schreiben, zu emanzipieren. Meine eigenen Produkte aus dieser Zeit sind zum Großteil unlesbar. Inzwischen finde ich, dass man als Deutsch schreibender Autor durchaus für lange Sätze offen sein sollte. Solange sie nicht z u lang sind.

In humoristischer Hinsicht verehre ich Loriot, mit dem Deutschland einen seiner größten Komiker verloren hat, die es so dringend braucht. Sein Auge fürs Detail im menschlichen Verhalten, gerade wenn es offiziell und korrekt zugehen muss, ist bewundernswert. Man sieht, wie schnell in formellen Situationen, in denen alle Beteiligten aus welchen Gründen auch immer nervös sind, die Grenze zur Albernheit überschritten ist.


Was ist dein nächstes schriftstellerisches Projekt?

Ich arbeite gerade an einem Roman über Schauspieler im Dritten Reich, der in Berlin und Wien spielt. Mich interessieren die moralischen Konflikte von Künstlern, die innerlich berufen waren, auf der Bühne zu stehen, sich aber dafür mit dem Regime arrangieren mussten. Inwiefern ist ein Schauspieler bereit, seine Seele zu verkaufen, um sein Lebensziel zu erfüllen? Die schmutzige und grauenvolle Schattenseite der glamourösen Filmwelt der 1930er und 1940er Jahre fasziniert mich.


Wo kann man Jung Wien 14 das nächste Mal hören?

Am 19.9. findet im Café Ritter (Ottakring) um 19:30 Uhr eine satirische Lesung zu Gendern und politisch korrekter Sprache statt. Darüber gibt es zwei Termine unserer „Wortsteinschwalben“-Lesereihe am 7.10. und 25.11. um 20 Uhr im Salon Schräg (Börsegasse 6, I.): Vier Autoren und ein literarischer Gast, jeder liest maximal zehn Minuten, und dazwischen sorgt unser musikalischer Gast für Unterhaltung.


Langweilig wird euch also nicht 🙂 Alles Gute dafür und vielen Dank für das Interview.

Zum Interviewpartner:
Max Haberich wurde 1984 geboren und ist in München aufgewachsen. Er studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Neuere deutsche Literatur u. a. in York, Aix-en-Provence und Tübingen. 2013 promovierte er über die deutsch-jüdische Identität von Arthur Schnitzler und Jakob Wassermann an der Universität Cambridge. Seit 2014 lebt er als Literaturwissenschaftler, Autor und Übersetzer in Wien. Im selben Jahr hat er den Verband Jung Wien ’ 14 gegründet. Haberich hat bereits in diversen literarischen und wissenschaftlichen Fachzeitschriften sowie in mehreren Anthologien und Sammelbänden veröffentlicht. 2017 ist seine Biographie „Arthur Schnitzler. Anatom des Fin-de Siècle“ (Kremayr & Scheriau) sowie sein Debutroman „Ziegel und Elfenbein“ (Kladde) erschienen. 

Foto (c) Max Haberich / Logo (c) Jung Wien ’14

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